Mail an Kassel - Team Even

Prof. Dr.-Ing. Helmut Alt                                                                    52078 Aachen, den 20.06.2015

Tel. (0241) 520 108                                                                              Eichelhäherweg 6

Sehr geehrter Herr Regierungspräsident i.V. Herr Dezernent Otto, sehr geehrter Herr Bürgermeister Lang,

vielen Dank für die freundliche Aufnahme in Kassel zu dem Faktenscheck der Windenergie-Stromerzeugung im Land Hessen unter der Leitung Team even.


Leider hätten einige Behauptungen z.B. von Herrn Dr. Graichen technische und energiewirtschaftliche Richtigstellung aus Sicht langjähriger Praxis in der Energieversorgung erfordert, wozu es leider nicht kommen konnte. Es wäre auch verwunderlich, wenn ein Studium der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft für die verantwortliche Betriebsführung unserer Versorgungssysteme die gleiche Fachkompetenz vermitteln könnte, wie ein einschlägiges Studium der elektrischen Energietechnik. Dann könnte man ganze Fakultäten an unseren Hochschulen schließen. Mir ist auch nicht bekannt, dass in den Unternehmen die Verantwortung für unsere Kraftwerke und Netze im konkreten Betrieb Absolventen nicht technischer Fakultäten übertragen worden wäre. Es war daher schade, dass z.B. bei entsprechenden konkreten Fragestellungen unhaltbare Behauptungen, dass die Stromversorgung an wind- und sonnenarmen Tagen ebenso sicher gewährleistet werden könne, nicht an Hand entsprechender Darstellungen der Leistungsganglinien auch für den Laien einsichtig widersprochen werden konnte. Bezahlbare Stromspeicher für große Energiemengen in der Größenordnung von 8 TWh, die notwendig wären, sind weder verfügbar, noch in denkbarer Zukunft fachlich realistisch zu erwarten.

Wer das anders behauptet, ist nach dem Stand der Wissenschaft auf den Fachgebiet der Energietechnik und Energiewirtschaft entweder fachlich unkundig oder sagt die Unwahrheit.

Dass es bisher nicht zu einem landesweiten Stromausfall gekommen ist, liegt insbesondere daran, dass die leistungsstärksten 9 Kernkraftwerke und alle Steinkohle- Braunkohle- und Gaskraftwerke ja weiter in Betrieb sind und bei Windmangelzeiten mit voller Leistung verfügbar sind. Das wird aber ab 2022 nicht mehr der Fall sein, ab dann sind neben den Transportleitungen an den Standorten der bisherigen Kernkraftwerke Ersatzkraftwerke auf Gas-Basis unbedingt erforderlich um die windarmen Zeiten zu überbrücken.Zu behaupten, dass dies bei genügender Forschungsförderung durch bezahlbare Stromspeicher möglich würde ist fachlich naiv, für Fachunkundige aber eine immer genannte und verlässliche Option, aber leider nur eine Vision.

In der heutigen FAZ wird berichtet, dass Herr Putin Herrn Tsipras gestern in St. Petersburg nach Inbetriebnahme einer neuen Pipeline durch Griechenland unter Umgehung der Ukraine einen jährlichen dreistelligen Millionenbetrag für die Weiterleitung des Erdgases in die EU zugesagt hat. Herr Putin weiß sehr gut, dass bei Verwirklichung der deutschen Energiewende Deutschland mindestens 30 % der elektrischen Energie durch neue Erdgaskraftwerke erzeugen muss, deren Gas nur aus Russland kommen kann, zu welchem Preis auch immer. Dies entspricht einem sicheren zusätzlichen Erdgasabsatz an Deutschland von mindestens 50 Milliarden Kubikmeter  entsprechend mindestens 25 Mrd. € jährlicher Einnahme für die Lieferung an Deutschland. Die deutschen Strombezieher müssen - neben den Mehrkosten der Energiewende im Inland - auch dieses bezahlen müssen. Falls er dann die Gaspreise verdoppelt, können wir nicht ausweichen, denn es ist kein anderer Gaslieferant in Sicht und die Kohle- und Kernkraftwerke sind nicht mehr da und die Windleistung ist auch zukünftig nur mit höchstens 2.000 h aus onshore-Anlagen und vielleicht bis 4.400 h aus offshore-Anlagen verfügbar (z.B. Power to Gas mittels Elektrolyse).

Von daher hatte ich gehofft, dass der "Faktenscheck die Diskussion in Kassel etwas mehr von den Zeitgeist-Erwartungen hin zu den wirklichen Fakten im Zusammenhang mit der Energiewende hinführen würde. Vielleicht können die als Anlage beigefügten Unterlagen hier eine Erkenntnislücke schließen.

 


Am 16.02.2015 um 18:33 schrieb z.B. Wolfgang Clement ehemals Wirtschaftsminister und Ministerpräsident NRW:
Lieber Herr Professor Alt,
wollen Sie diese wirklich entlarvenden bzw. alle Illusionen zerstörenden Darstellungen nicht – beispielsweise – dem „Handelsblatt“ zur Veröffentlichung anbieten? Ich würde es empfehlen.
Mit bestem Gruß,
Ihr Wolfgang Clement

Am 09.01.2015 um 10:36 schrieb Wolfgang Clement:
Lieber Herr Professor Alt,
das ist eine hochinteressante Debatte, die mich genauso, wie ich sie in den übermittelten Beiträgen wahrnehme, beschäftigt.
Herzlichen Dank, dass ich hinein schauen durfte.

Ihr Wolfgang Clement