Gene auf Wanderschaft

Nun ist die Information auch im Internet angekommen: Die DNA aus genetisch veränderten Pflanzen wird durch die Nahrung auf den Menschen übertragen. Wie brisant ist diese Nachricht? Wir fragten unseren Lebensmittelchemiker Udo Pollmer

 

 

Die Nachricht klingt schon ziemlich ungewöhnlich: Im menschlichen Blutkreislauf lassen sich tatsächlich Gene aus unserem Essen nachweisen. In Asiaten findet man im Blut reichlich Reisgene, in Europäern dominieren die Kartoffelgene. Nun warnen Kritiker der Gentechnik, diese Gene könnten im Körper un-vorhersehbare Reaktionen auslösen. Das lässt sich nicht mal widerlegen: Denn niemand weiß so recht, was die Gen-Bruchstücke aus dem Frühstück während der Mittagspause so alles treiben.

Die Genabschnitte haben nicht nur den Kochtopf, sondern auch die Verdauung unversehrt überstanden. Lange Zeit hatten die Mediziner an ihr selbsterfundenes Dogma geglaubt, so große Objekte wie Gen-Bruchstücke kämen gar nicht durch die Darmwand. Dabei ist seit 170 Jahren durch Experimente belegt, dass auch große Partikel aus dem Darm in den Kreislauf gelangen. Seit Jahrzehnten weiß man, dass es dafür mehrere Aufnahmewege gibt: beispielsweise spezialisierte Zellen, M-Zellen genannt, die ständig Proben aus dem Darminhalt nehmen und ihn analysieren. Nun ist noch ein weiterer Weg hinzugekommen. Tierversuche lassen darauf schließen, dass beim Durchreichen von Genmaterial aus dem Darm ins Blut die Darmflora eine wichtige Rolle spielt. 

Egal ob Plastikpartikel, Parasiteneier oder Proteinpartikel, – alles kann aus dem Speisebrei in den Kreis-lauf gelangen. Und damit natürlich auch Bestandteile des Erbgutes wie DNA oder RNA. Manche dieser Fragmente sind groß genug, um komplette Gene zu tragen. Was passiert im Körper mit diesen Objek-ten? Ein erster Tierversuch zeigt, dass Reisgene im Blut von Mäusen den Cholesterinspiegel ein wenig erhöhten. Natürlich lässt sich das Mäuseresultat nicht auf Menschen übertragen. Denn in China hat selbst der stete Verzehr großer Mengen Reis keinen Einfluss auf den Cholesterinspiegel.

Vernünftigerweise reagiert der Körper auf Stoffe, die aus der Nahrung ins Blut geraten, aber er darf sich davon nicht verrückt machen lassen. Es wäre höchst kurios, wenn Mensch und Tier sich ihre fein abge-stimmte innere Steuerung tagaus, tagein von x-beliebigen Grünkohl-Genen, die im Blut herumgurken, durcheinanderwirbeln lassen. jedes Nahrungsmittel aus Pflanzen oder Tieren gewonnen, enthält zigtau-sende Gene – in jeder einzelnen Zelle. Und erst recht wenn es noch dazu mit Mikroorganismen fermentiert wurde wie Brot oder Joghurt. Ja selbst Salz und Wasser sind voller Gene – denn darauf oder darinnen leben Mikroorganismen. Deshalb gibt ob der Gene im Essen keinen Grund zur Aufregung.

                 

Aber könnten die Gene nicht vielleicht doch irgendwie bis ins Erbgut gelangen? Ja, im Prinzip schon. Das nennt man horizontalen Gentransfer. Der ist übrigens in der Natur ein wichtiges Instrument der Evolution. Lebewesen ganz unterschiedlichen Arten tauschen untereinander Gene aus. Nicht umsonst sind die Gene des Menschen und einer Banane zu etwa einem Drittel identisch. Dabei ist die Banane etwas komplexer – sie hat mehr Gene als der Mensch. Allerdings sollte niemand darauf spekulieren, dass er nur lange genug Fisch essen müsse, damit ihm Flossen wachsen. Oder vielleicht grüne Pflanzen, damit er dann eines sonnigen Tages mit dem Chlorophyll in der Haut von Sonnenlicht leben kann.

                                  

Wer sich trotzdem vor Genen im Kühlschrank, namentlich vor neuartigen fürchtet, für den gibt‘s drei Ver-brauchertipps. Erstens: Finger weg von Pflanzenkost, denn Pflanzen-RNA ist sehr widerstandsfähig, und sie ist es, die vor allem im Blut gefunden wird. Zweitens: Alles gut kochen. Je stärker ein Lebensmittel verarbeitet ist, desto geringer sein Gehalt an intakten Genen. Und Drittens: Ja nichts Neues probieren. Wenn von neuen Genen eine Gefahr ausgeht, dann war der Versuch, neuartige Lebensmittel wie Kartof-feln, Tomaten oder Puten aus Amerika nach Europa zu bringen, für die Europäer viel bedrohlicher als wenn heute Mais mit einem irgendeinem „neuen“ Gen angebaut wird – noch dazu eines, das aus Mikroben stammt, die seit jeher im Erdreich leben. Mahlzeit!

                 

Literatur

  • Netzfrauen: Nun ist es bestätigt: Die DNA aus gentechnisch veränderten Pflanzen wird durch die Nahrung auf den Menschen übertragen.
  • Spisak S et al: Complete genes may pass from food to human blood. PLoS One 2013; 8: e69805
  • Hirschi KD: New foods for thought: Trends in Plant Sciences 2012; 17: 123-125
  • Heisel SE et al: Characterization of unique small RNA Populations from rice grain. PLoS ONE 2008 3: e2871
  • Zhang L et al: Exogenous plant MIR168a specifically targets mammalian LDLDRAP1: evidence of cross-kingdom regulation by microRNA. Cell Research 2011; 22: 107-126
  • Jiang M et al: Beyond nutrients: Food-derived microRNAs provide cross-kingdom regulation. Bioessays 2012 34: 280-284
  • Herbst G: Das Lymphgefäßsystem und seine Verrichtung, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1844
  • Volkheimer G: Persorption. Thieme, Stuttgart 1972
  • Bier FF: Die Blaupause des Menschen. Wissenschaft im Dialog, Berlin o.J.

Autor: Udo Pollmer