Gen-Mikroben auf unserer Haut Lebensmittelchemiker über die Angst vor verändertem Erbgut

Frankreich will Mais, der gentechnisch verändert wurde, verbieten lassen. Doch die oberste Fachbehörde der EU ließ die Franzosen abblitzen: Die von Paris eingereichte Dokumentation enthielte nichts Neues und auch nichts, was ein Verbot rechtfertigen würde. Udo Pollmer hält die Diskussion für Heuchelei.

Lange stand die Gentechnik pauschal wegen „unbeherrschbarer Risiken“ in der Kritik. Das hat sich klamm-heimlich geändert. Die Gentechnik stört überhaupt nicht mehr – außer auf dem Acker. Bei einer Genmanipulation zum Zwecke der Herstellung von Leder, von Socken oder von Papier zucken die Kritiker mit der Ach-sel. Wird sie für Lebensmittel genutzt, kommt es drauf an: Gentechnik zur Gewinnung von Glutamat, Zitronensäure oder Vitaminen juckt niemanden – eine Deklaration ist überflüssig. Taucht aber irgendwo „Genmais“ oder „Gensoja“ auf, schwillt den Kritikern der Kamm und sie steigen auf die Barrikaden.

Wieder unten angekommen gehen sie zum Kühlschrank und löffeln als Belohnung einen Fruchtjoghurt, der gewöhnlich einige Zusätze enthält, die gentechnischen Ursprungs sind, wie natürliche Aromen oder Süßstoffe – ja selbst bei der Urproduktion von Milch, Zucker und Obst hat die Gentechnik ihre manipulativen Finger im Spiel. Deshalb sind die Produkte so billig und schmecken trotzdem irgendwie. Das einzige, woran sich die Gentechnikgegner beim Joghurt noch stören, ist das Plastik, aus dem der Becher besteht. Das kann sich schnell ändern: Dank Genmanipulation wird auch der bald aus nachwachsenden Rohstoffen synthetisiert. Die Deklaration auf dem Gen-Plastik ahne ich bereits: „frei von Gentechnik“.

Gentechnik bestimmt längst unseren Alltag. In der Textilindustrie erlauben Enzyme aus genveränderten Mik-roben den Verzicht auf giftige Chemikalien. Die Zukunft der „grünen“ Energie vom Acker hängt von den Fort-schritten der Genlabors ab. Selbst beim Recyclingpapier leisten Enzyme aus manipulierten Mikroben un-schätzbare Dienste. Das Designen des Erbgutes von Bakterien und Schimmelpilzen ist aktuell die wichtigste Methode, mit der unsere Warenwelt ohne Aufhebens umweltfreundlicher wird.

Nicht dass dies in den Kreisen der Gentechnikgegner unbekannt wäre, schließlich akzeptieren sie nahezu alle gentechnischen Verfahren und Produkte durch beredtes Schweigen. Aber warum? Gibt es etwa bei der Herstellung von Joghurt, Plastik oder T-Shirts keine Risiken, bei einem Emulgator aus Sojaöl aber schon? Die Antwort auf diese Frage findet man an einem Ort, der vielleicht wenig zielführend erscheint. Die Antwort liegt im Schlüpfer. Ja, im Slip. Früher war der Kauf von Unterwäsche eine einfache Sache: Feinripp in Weiß – weil nur Kochwäsche infrage kam. Heute ist die Unterwäsche bunt und kann bei lauwarmen 40 Grad gewa-schen werden – und sie sieht trotzdem sauber aus.

Ohne Gentechnik bliebe bunte Wäsche für das bloße Auge erkennbar schmuddelig. Moderne Waschmittel enthalten Enzyme, also biologische Katalysatoren, die all die waschtechnisch schwer zu beherrschenden körperlichen Ausscheidungen komplett zerlegen. Diese Enzyme sind ohne Genmanipulation nicht zu haben.

Natürlich verbleiben vom Waschmittel und damit von den Enzymen immer Rückstände in der Kleidung, vor allem bei Öko-Waschmaschinen, die Wasser sparen. So tragen wir die Gentechnik anstandslos auf unserer Haut. Würde ein Politiker vor „unkalkulierbaren Gen-Gefahren aus der Unterhose“ warnen und fordern, für-derhin nur noch weißen Feinripp zu tragen, würden seine Bedenken bestenfalls Heiterkeit auslösen. Die far-benfrohe Wäsche zeigt damit einer ewig-gestrigen Ideologie die rote Karte.

Das Theater um Genmais und Gensoja ist nur eine Kulisse, vor der scheinheilige Umweltschützer so tun können, als würde auf dem Acker die Schöpfung bedroht, während die Mahner selbst Tag für Tag die Leis-tungen der Gentechnik wissentlich genießen und selbstverständlich nicht darauf verzichten wollen.

Also: Wenn Sie wieder mal vor den Gen-Gefahren, die unsere Nahrung bedrohen, gewarnt werden, lassen Sie sich doch nicht von Heuchlern ins Bockshorn jagen, denken Sie lieber an modische, farbenfrohe Kleidung und das schmuddelige Gengespenst wird von Ihnen weichen. Mahlzeit!

Literatur

  • Gray N: EFSA rejects French move to ban GM crop in Europe. Food Navigator Pressemeldung vom 4. Au-gust 2014
  • Keckl G: Klargelegt: Gentechnik grün, rot, weiß. dlz Ausgabe Mai 2014
  • Arnaud CH: Enzyme by design. Chemical & Engineering News 19.8.2013; S.26-27
  • Gupta VK, Tuohi MG: Applications of Microbial Genes in Enzyme Technology. Nova Science Publishers 2013
  • Li et al: Technology Prospecting on Enzymes: Application, Marketing and Engineering. Computional and Structural Biotechnology Journal 2012; 2: e201209017

Autor: Udo Pollmer