Wegen Magensäure-Hemmern Rohkost kann Sie umbringen!

Gemeinhin werden Lebensmittelinfektionen unhygienischer Erzeugung und Verarbeitung angelastet. Nun aber scheint sich eine weitere Ursache in den Vordergrund zu schieben, die nur wenige Verbraucher auf dem Schirm haben. Unser Lebensmittelchemiker Udo Pollmer berichtet.

Wechselwirkungen zwischen Lebensmitteln und Arzneimitteln sind so neu nicht – die bekannteste und bisher auch gefährlichste war der Konsum von Grapefruits bzw. Grapefruitsaft zusammen mit Medikamenten. Diese Zitrusfrucht enthält von Natur aus Substanzen, die die Entgiftungskapazität der Leber massiv verändern, was entweder zu einem beschleunigten Abbau der Arzneien führt, und damit zur Wirkungslosigkeit oder den Abbau blockiert, so dass lebensbedrohliche Blutspiegel erreicht werden. Nicht wenige Todesfälle sind darauf zurückzuführen.

Nun schickt sich eine besonders erfolgreiche Gruppe von Medikamenten an, den Grapefruits den Rang abzulaufen. Es sind die sogenannten Protonenpumpenhemmer. Was klingt wie eine Waffe aus „Raumschiff Enterprise“ sind Mittel gegen sauren Magen. Sie können die Bildung von Magensäure nahezu vollständig unterbinden und sind aufgrund ihrer zuverlässigen Wirkung beliebt.

Nun gibt es einen seltsamen statistischen Zusammenhang: Je mehr Protonenpumpenhemmer eingenommen werden, desto häufiger werden Lebensmittelvergiftungen registriert. Sinkt der Pillenabsatz, gehen auch die Erkrankungsfälle zurück. Klingt abermals sehr weit hergeholt, schließlich enthalten unsere Tabletten weder Salmonellen noch Campylobacter-Keime.

Dennoch ist die Verbindung ursächlich und der Mechanismus erstaunlich simpel: Die Säure in unserem Magen dient dazu, Keime im Essen abzutöten. Wenn sich früher die Jäger und Sammler beiläufig hier ein paar Maden und dort eine Handvoll Beeren einverleibt haben, waren die Häppchen im Säure-bad flugs keimfrei. Der Magen ist eine Desinfektionsschleuse. Heute puffern die größeren Essens-Portionen die Säure etwas ab. Nichtsdestotrotz ist sie immer noch wirksam – vor allem wenn der Sa-lat, also die Rohkost vorweg verspeist wird.

Protonenpumpenhemmer berauben den Magen seiner Funktion als Desinfektionsschleuse, je weniger Säure im Magen, desto weniger Keime genügen für eine Infektion. Bei Dauergebrauch wird der Magen zu einem Biotop für Keime. Das begünstigt auch Infektionen im Dünndarm, der normalerweise keimarm ist. Natürlich sind Arzneien, die Patienten von der ätzenden Säure befreien, nützlich und wertvoll – aber sie sollten mit Sinn und Verstand eingenommen werden. Wie sich dem Fachblatt Arzneimittelbrief entnehmen lässt, werden die Pillen viel zu oft verschrieben, Fachleute sprechen wörtlich von einem „irrationalen Einsatz“. Inzwischen sind einige dieser Medikamente auch ohne Rezept zu erhalten.

Bei Lebensmittelinfektionen spielt also nicht nur die Belastung mit Keimen eine Rolle, gleichermaßen sind populäre Arzneimittel in dieses Geschehen involviert. Vor allem die Zunahme von Campylobacter-Infektionen stößt den Gesundheitsbehörden sauer auf. Es handelt sich um eine schwere Durchfallerkrankung, die in seltenen Fällen das Guillan-Barre-Syndrom auslösen kann – ein Syndrom, das einer Kinderlähmung ähnelt. Da wird es manch einem Hygieniker flau im Magen.

Bisher galt vor allem Geflügelfleisch als Ursache der Infekte. Seit gut 10 Jahren wurde deshalb in Holland die Zahl der Campylobacter-Keime auf Geflügel erheblich gesenkt, dennoch nahm die Zahl der Infektionen deutlich zu. Beim Durchspielen aller denkbaren Szenarien durch das niederländische Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt passten die Absatzzahlen der Säurepillen am besten zur Erkrankungshäufigkeit. Ihre Kollegen der Universität Swansea fanden ebenfalls einen klaren Zu-sammenhang zwischen den Verordnungen und Campylobacterinfekten sowie Salmonellosen. Inzwischen zeigt sich, dass auch viele andere Magen-Darm-Keime wie das gefürchtete Clostridium difficile, EHEC, Listerien oder Helicobacter durch Säureblocker ein optimales Milieu vorfinden.

In der Praxis bedeutet das, dass angesichts des unaufhaltsam steigenden Absatzes von Protonen-pumpenhemmern die Patienten sich mit dem Konsum von rohen Lebensmitteln, egal ob Salat oder Mett, zurückhalten sollten. Dies ist inzwischen eine der wichtigsten Maßnahmen, um gefährliche Lebensmittelinfektionen einzudämmen. Mahlzeit!

Literatur

  • Kane GC, Lipsky JJ: Drug-grapefruit juice interactions. Mayo Clinic Proceedings 2000; 75: 933-942
  • BfR: Schutz vor lebensmittelbedingten Infektionen mit Campylobacter. Verbrauchertipp 2012
  • AMB: Protonenpumpenhemmer: zu häufige Verordnung und Risiken bei Dauertherapie. Arz-neimittelbrief 2008; 42, 49
  • Bouwknegt M et al: Potential association between the recent increase in campylobacteriosis incidence in the Netherlands and proton-pump inhibitor use – an ecological study. Euro Sur-veillance  2014; 19 (32): pii=20873
  • Bavishi C, DuPont HL: Systematic review: the use of proton pump inhibitors and increased susceptibility to enteric infection. Alimentary Pharmacology & Therapeutics 2011; 34: 1269–1281
  • Hagiwara T et al: Proton pump inhibitors and helicobacter pylori-associated pathogenesis. Asian-Pacific Journal of Cancer Prevention 2015; 16: 1315-1319
  • Howell MD et al: Iatrogenic gastric acid suppression and the risk of nosocomial Clostridium difficile infection. Archives of Internal Medicine 2010; 170: 784-790
  • Brophy S et al: Incidence of Campylobacter and Salmonella infections following first prescription for PPI: a cohort study using routine data. American Journal of Gastroenterology 2013; 108: 1094-1100

Autor: Udo Pollmer