Unbequem ist stets genehm: Die Irrtümer des Klimawarners Joachim Gauck

Wenn Päpste, Präsidenten oder Top-Manager sich des Themas Klima annehmen und die „Verantwortung gegenüber künftigen Generationen“ anmahnen, ist stets der höchstmögliche Grad der Political Correctness erreicht. So auch bei Bundespräsident Joachim Gauck, der gestern bei einem Empfang zum Petersberger Klimadialog eine Rede hielt.

Der philosophisch an und für sich beschlagene Gauck irrte in seinen Ausführungen gleich mehrmals. Nicht nur philosophisch sondern auch sachlich. Ich möchte hier nur beispielshaft eine Passage herausgreiifen und einer kleinen Exegese unterziehen.

Gauck sagte:

„Heute mutige Entscheidungen aufzuschieben würde die bereits existierenden Schwierigkeiten vergrößern. Oder in den Worten des englischen Ökonomen Nicholas Stern: ‘Verzögerung ist gefährlich.’ Der Preis des Nichthandelns wird immer höher, nicht nur in ökonomischer Hinsicht.”

Das ist zunächst einmal eine Binse und noch nicht einmal richtig. In einer problematischen Situation kann Handeln durchaus gefährlicher sein als Nicht-Handeln. Dann nämlich wenn man falsch handelt. Ein einfaches Beispiel: Es war, wie wir heute wissen,  wahrscheinlich gefährlicher Gadaffi zu beseitigen, als ihn in seinem Amt zu lassen. Das Gegenteil von schlecht muss nicht gut sein, sondern kann noch schlechter sein. Übersetzt auf das Umweltthema: Die Ergebnisse einer ökologischen Planwirtschaft (Gauck nennt das euphemistisch “klimaneutrale Wirtschaftsordnung“), an der ja allenthalben gebastelt wird, könnte gefährlicher sein, als mit dem “business as usual” weiterzumachen. Einfach weil eine Zwangswirtschaft die Menschen erfahrungsgemäß ärmer macht - und damit ihre Fähigkeit verringert sich an Klimaveränderungen anzupassen.

Gaucks Ausführungen sind aber noch aus einem anderen Grund unhaltbar. Das verrät im Grunde schon einfaches Nachdenken. Um die Kosten des Klimawandels berechnen zu können, müsste man ja die Zukunft mit und ohne Klimawandel kennen. Man kennt aber weder die eine noch die andere. Selbst wenn das Klima absolut konstant bliebe, was es niemals tut, könnte kein Mensch sagen, wie die Welt und die menschliche Gesellschaft in 100 oder 200 Jahren aussieht, ob Krieg oder Katastrophen die Menschheit erschüttern, ob Fortschritt oder Rückschritt eintritt. Weltwirtschaftskrisen hat die Politik bislang ja auch ganz gut ohne Klimawandel hingekriegt. Es ist also vollkommen unmöglich, eine »Normalzukunft« zu beschreiben, die man einer »Klimawandelzukunft« gegenüberstellen könnte, die ja ebenfalls nicht vorhersagbar ist. In der Praxis werden sich die Menschen den Gegebenheiten anpassen (müssen), wie sie es auch in der Vergangenheit immer getan haben. Niemand wartet 100 Jahre seelenruhig ab, bis ihm der Meeresspiegel bis zum Hals steht.

Und nunzu den Fakten: Die Argumentation des Bundespräsidenten ist komplett der sogenannten „Stern-Studie“ des britischen Ökonomen Sir Nicholas Stern aus dem Jahre 2006 entnommen.  Doch dieser sechshundert-Seiten-Wälzer ist von der Ökonomen-Zunft längst als Vodoo-Ökonomics entlarvt.

Sir Nicholas Stern beziffert darin die Kosten für den vom Menschen gemachten Klimawandel auf bis zu 5,5 Billionen Euro. Und weil das nicht besonders anschaulich ist, wird eine dramatische Formulierung mitgeliefert: Die ökonomischen Verluste würden die »der beiden vergangenen Weltkriege« übertreffen. Medien apportierten solche Formulierungen wie gut dressierte Schäferhunde.

Nun muss man wissen: Stern war zur Zeit der Veröffentlichung seines Reports im Jahre 2006 kein unabhängiger Wissenschaftler, sondern Leiter des volkswirtschaftlichen Dienstes der britischen Regierung. Sein Report ist kein Forschungsprojekt, sondern die Auftragsarbeit eines Beamten für eine Regierung mit einem politischen Programm. Und dieser Regierung (Die Labour-Regierung unter Tony Blair) ging es um drei Dinge: Erstens die Bevölkerung auf Belastungen und Steuererhöhungen einzustimmen, zweitens gegenüber der sich ökologisch gebenden konservativen Partei die Meinungsführerschaft in Sachen Klima zu erobern (man befand sich im Vorwahlkampf) und drittens die USA unter moralischen Druck zu setzen, doch noch ein Klimaabkommen nach europäischem Geschmack zu unterzeichnen.

»Das Desaster wird sich nicht in einer Science-Fiction-Zukunft zutragen«, sagte der damalige britische Premier Tony Blair. Er stand zusammen mit Sir Nicholas Stern auf der Bühne und nannte das 616seitige Werk »den wichtigsten Bericht über die Zukunft der Erde«. Es war der gleiche Tony Blair, der einige Jahre zuvor einen dramatischen Bericht über Massenvernichtungswaffen im Irak vorgestellt hatte, die ebenfalls die Welt bedrohten. Doch während die Medienvertreter damals ein gehöriges Maß an Skepsis entwickelten, fraßen sie Tony Blair die Klimakatastrophen-Botschaft aus der Hand. Der Stern-Report gilt seitdem als so etwas wie eine ökonomische Klimabibel.

Inzwischen hat eine ganze Reihe anderer Ökonomen diese Bibel heftig kritisiert. Einer der Hauptvorwürfe: Stern habe gezielt äußerst spekulative naturwissenschaftliche Worst-Case-Szenarien als Grundlage für seine ökonomischen Hochrechnungen herausgepickt. Die Briten nennen diese Methode »Cherrypicking« (»Kirschenpflücken«). Negative Folgen des Klimawandels seien überdies groß-und positive Folgen kleingerechnet worden. Spekulative ökonomische Szenarien werden auf spekulative Krisenszenarien getürmt. Der Stern-Report lässt ganze Landstriche verdörren, Küsten werden überflutet, Millionenheere von Klimaflüchtlingen sind obdachlos, zahllose Tierarten sterben aus, die sich ausbreitende Malaria kostet Millionen neue Opfer. Jeder einzelne dieser Punkte ist Gegenstand heftiger Debatten, doch Nicholas Stern nimmt die Spekulationen als Tatsache.

Der Umwelt-Ökonom Richard Toll bezeichnet den Report als »alarmistisch und inkompetent«, sein Kollege Robert Mendelson von der Yale-Universität fürchtet, Stern könne sich in seinen Zukunftsberechnungen um »Billionen von Euro« geirrt haben. William Nordhaus, ein Doyen des Fachgebietes, entdeckte einige seiner eigenen Berechnungen in Sterns Arbeit. Zu seiner Verwunderung wurden sie als abgesicherte Fakten genommen, obwohl Nordhaus sie ausdrücklich als »besonders unzuverlässig« bezeichnet hatte.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Stern-Studie fand praktisch nur in Fachkreisen statt. Dem Nimbus des Stern-Reports als unabhängige und über jeden Zweifel erhabene ökonomische Bilanzierung des Klimawandels hat all die Kritik jedoch nicht geschadet. Sie wird einfach nicht zur Kenntnis genommen.

Es ist schade , dass ein deutscher Bundespräsident (oder sein Redenschreiber)  keine eigenen Gedanken zum Thema Klimawandel entwickelt und statt dessen abgehangene Katastrophenstudien nachplappert. Ein von Gauck am Schluss eingepflegtes Schiller-Zitat soll statt dessen den hohen intellektuellen Anspruch simulieren:

“Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün /  Wandeln die nahen und wandeln vereint die fernen Geschlechter.”

Da kann man wohl nur mit Goethe gegenhalten: Der sagte nämlich:

“Wenn eine Seite nun besonders hervortritt, sich der Menge bemächtigt und in dem Grade triumphiert, dass die entgegengesetzte sich in die Enge zurückziehen und für den Augenblick im Stillen verbergen muss, so nennt man jenes Übergewicht den Zeitgeist, der dann auch eine Zeit lang sein Wesen treibt.”

Wie immer stellen sich die Vertreter des Zeitgeistes ihre geistigen Mitläufer-Positionen auch noch als besonders „mutig“ dar.  Auch unser Bundespräsident handelt zunehmend nach dem Motto: Unbequem ist stets genehm.

Autor: Dirk Maxeiner